Die häufigste Nebenwirkung von Statinen ist...Angst
Der größte Schaden, den Statine verursachen, sind meist nicht Muskelschmerzen oder Diabetes – sondern die Überzeugung, dass sie dem Körper heimlich schaden.
Fragt man Menschen mit erhöhtem Cholesterin, warum sie keine Statine einnehmen, hört man oft dieselben Antworten:
„Ein Freund von mir bekam schreckliche Muskelschmerzen.“
„Ich habe gehört, sie verursachen Gedächtnisprobleme.“
„Sie schädigen die Leber.“
„Seit ich sie genommen habe, schlafe ich schlecht.“
Das klingt zunächst plausibel.
Man beginnt ein neues Medikament.
Man bemerkt ein unangenehmes Symptom.
Man bringt beides miteinander in Verbindung.
Und durch soziale Medien werden diese Zusammenhänge noch verstärkt.
Hunderttausendfach.
Von Menschen, die sich absolut sicher sind.
Von Menschen, die überzeugend klingen.
Von Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten.
Meist jedoch von Menschen, die nie erlebt haben, welche Folgen ein vermeidbarer Herzinfarkt haben kann.
Die wissenschaftlichen Daten zeigen jedoch etwas anderes:
Die meisten Beschwerden, die Statinen zugeschrieben werden, werden in Wirklichkeit nicht durch die Statine
verursacht.
Und wer aus Angst auf eine Statintherapie verzichtet, erhöht unter Umständen sein langfristiges Risiko für
Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich.
Statin-Nebenwirkungen – Realität oder Einbildung?
Beobachtungsstudien können täuschen.
Wenn man Menschen ein Statin gibt und sie anschließend nach Beschwerden fragt, werden viele Symptome
berichtet.
Nicht unbedingt, weil das Medikament diese verursacht.
Sondern weil Menschen generell Symptome haben.
Um festzustellen, ob ein Medikament tatsächlich Beschwerden verursacht, benötigt man randomisierte,
doppelblinde, placebokontrollierte Studien.
Dabei erhält:
- eine Gruppe das Medikament,
- die andere ein Placebo,
- und niemand weiß, wer was bekommt.
Nur so lässt sich Ursache und Zufall voneinander trennen.
Drei besonders wichtige Studien haben genau das untersucht:
Die erste war eine Metaanalyse mit über 123.000 Teilnehmern, in der geprüft wurde, ob die zahlreichen
Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln tatsächlich in hochwertigen Langzeitstudien auftreten. (1)
Die zweite Metaanalyse konzentrierte sich speziell auf Muskelschmerzen unter Statintherapie. (2)
Die dritte Studie – eine meiner Lieblingsstudien – war eine sogenannte N-of-1-Studie.
Dabei erhielten Patienten, die überzeugt waren, Statine würden ihre Beschwerden verursachen, abwechselnd:
- Statine,
- Placebo,
- und Monate ohne Tabletten,
ohne zu wissen, was sie jeweils einnahmen. Täglich dokumentierten sie ihre Beschwerden in einer App. (3)
Diese drei Studien beantworten im Wesentlichen die Frage:
Symptome sind nicht automatisch Nebenwirkungen
Ein wichtiger Unterschied:
Ein Symptom ist nicht automatisch eine Nebenwirkung.
Ein Symptom ist zunächst einfach eine menschliche Erfahrung.
Eine Nebenwirkung liegt nur dann vor, wenn das Medikament tatsächlich die Ursache ist.
Viele Menschen schlafen nicht perfekt.
Die Muskeln schmerzen gelegentlich.
Die Energie schwankt.
Die Stimmung verändert sich.
Das Gedächtnis wirkt an stressigen Tagen schlechter.
Stress spielt oft eine wesentlich größere Rolle als Medikamente.
Fragt man jemanden mit einem anspruchsvollen Beruf, kleinen Kindern, pflegebedürftigen Eltern und
finanziellen Verpflichtungen, wird deutlich, wie viele Beschwerden unabhängig von Medikamenten auftreten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Tritt das Symptom auf?“
Sondern:
„Wäre es auch ohne das Statin aufgetreten?“
Genau diese Frage beantworten verblindete Studien.
Die meisten Nebenwirkungen werden nicht durch Statine verursacht
Die erste Studie untersuchte 66 mögliche Nebenwirkungen, die auf Beipackzetteln aufgeführt sind.
Nach statistischer Korrektur zeigte sich:
62 von 66 Nebenwirkungen konnten nicht zuverlässig auf Statine zurückgeführt werden.
Dazu gehörten unter anderem:
- Gedächtnisstörungen
- Demenz
- Depressionen
- Schlafstörungen
- Nervenschäden (periphere Neuropathie)
- sexuelle Funktionsstörungen
- interstitielle Lungenerkrankungen
Mit anderen Worten:
In hochwertigen doppelblinden Studien gibt es keinen überzeugenden Hinweis, dass Statine diese
Beschwerden verursachen.
Welche Nebenwirkungen wurden tatsächlich beobachtet?
Neben den bereits bekannten Risiken (Muskelbeschwerden und Diabetes) fanden sich lediglich vier statistisch
auffällige Veränderungen:
- erhöhte Leberwerte,
- weitere Veränderungen der Leberfunktion,
- geringe Eiweißausscheidung im Urin,
- leichte Ödeme (Wassereinlagerungen).
Für die allermeisten Patienten sind diese Veränderungen klinisch kaum relevant.
Aber die Muskelschmerzen? Ja – aber meist nicht durch das Statin verursacht.
Die zweite Metaanalyse zeigte:
Über etwa vier Jahre berichteten
- 27,1 % der Patienten unter Statinen über Muskelschmerzen oder Muskelschwäche.
Doch auch
- 26,6 % der Placebo-Gruppe berichteten dieselben Beschwerden.
Der Unterschied war minimal. Das bedeutet: Über 90 % aller Muskelbeschwerden, die während einer Statintherapie auftreten, wären vermutlich auch ohne das Statin aufgetreten. Der geringe Unterschied zeigte sich hauptsächlich im ersten Behandlungsjahr. Danach verschwand er nahezu vollständig. Das bedeutet nicht, dass Beschwerden ignoriert werden sollten. Es bedeutet lediglich, dass man eine wichtige Therapie nicht vorschnell abbrechen sollte.
Der Einfluss der Erwartung
Die dritte Studie, veröffentlicht im New England Journal of Medicine, ist besonders eindrucksvoll.
Patienten, die ihre Statine wegen vermeintlicher Nebenwirkungen bereits abgesetzt hatten, erhielten
im Wechsel:
- Atorvastatin 20 mg,
- Placebo,
- oder gar keine Tabletten.
Sie bewerteten ihre Beschwerden täglich.
Die durchschnittlichen Symptomwerte betrugen:
- Statin: 16,3
- Placebo: 15,4
- Keine Tabletten: 8,0
Zwischen Statin und Placebo bestand kein statistisch signifikanter Unterschied.

Die Autoren fassten ihre Ergebnisse in einem bemerkenswerten Satz zusammen:
Rund 90 % der Beschwerden, die den Statinen zugeschrieben wurden, traten auch unter Placebo auf.
Die Folge:
Etwa die Hälfte der Teilnehmer begann anschließend wieder erfolgreich mit der Statintherapie.
Nicht weil man ihnen sagte, sie sollten die Beschwerden ignorieren.
Sondern weil sie anhand ihrer eigenen Daten erkennen konnten, was tatsächlich geschah.
Was bedeutet das für die Praxis?
- Symptome sind nicht automatisch ein Zeichen für einen Schaden.
- Statine sind keine Medikamente, die einen heute besser fühlen lassen.
- Sie wirken langfristig und senken über Jahre das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und vorzeitigen Tod.
Treten Beschwerden auf, sollte man nicht in Panik geraten.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie wahrscheinlich ist es, dass das Statin tatsächlich die Ursache ist – und wie wahrscheinlich sind
altersbedingte Beschwerden oder andere Faktoren?
Die wissenschaftlichen Daten sprechen dafür, dass Letzteres häufig der Fall ist.
Was wir heute wissen
Das bedeutet nicht, dass Statine völlig frei von Nebenwirkungen sind.
Es gibt reale Risiken:
-Seltene schwere Muskelschäden (Rhabdomyolyse)
-Ein gering erhöhtes Diabetesrisiko, insbesondere bei Menschen mit bereits bestehender Vorstufe
-Erhöhte Leberwerte, vor allem bei hohen Dosierungen
Schwere Leberschäden wurden in den großen Studien jedoch nicht überzeugend nachgewiesen.
Gleichzeitig ist gut belegt:
Statine senken das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, verlängern das Leben und gehören zu den am
besten untersuchten Medikamenten überhaupt. (4)
Wenn Sie also das nächste Mal eine beängstigende Geschichte über Statine hören, lohnt sich ein Blick auf die
Ergebnisse hochwertiger klinischer Studien – denn sie zeichnen oft ein ganz anderes Bild als persönliche
Erfahrungsberichte oder Beiträge in sozialen Medien.
Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials. Lancet. Feb 2026.
Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration. Effect of statin therapy on muscle symptoms: an individual participant data meta-analysis of large-scale, randomized, double-blind trials. Lancet. 2022;
N-of-1 Trial of a Statin, Placebo, or No Treatment to Assess Side Effects. NEJM Nov 15 2020
Nowak MM, Niemczyk M, Florczyk M, Kurzyna M, Pączek L. Effect of Statins on All-Cause Mortality in Adults: A Systematic Review and Meta-Analysis of Propensity Score-Matched Studies. J Clin Med. 2022 Sep 25;11(19):5643.